Verein
zur Förderung
Ganzheitlicher Kunst
und Ästhetik

 BÜCHERaus der Editionsonne&mond

Ästhetik der Ganzheit

Ästhetik der Ganzheit

(Der vollständige Text)

Ähren einer
Ästhetik der Ganzheit

(Das Konzentrat)

Manifest:
Ganzheitliche Ästhetik

von Manfred Stangl

Die Ästhetik der Ganzheit erhebt keinen geringen Anspruch. Sie postuliert dezidiert die Überwindung der Moderne sowie der Postmoderne - letztlich alles Modernen. Wenigstens in der Kunst- und Literaturproduktion, da ja die gesellschaftliche Wirk-Präsenz der Postmoderne (ich spreche lieber von einer aktuellen Hochpostmoderne) von vielen Faktoren bestimmt wird. Dennoch behaupte ich, die Kunst/Literatur - deren Vertreter von sich selbst zerknirscht meinen, nichts bewirken zu können - trägt sehr wohl ihr gehörig Quäntchen an der Modernen- bzw. Postmodernen-Kultur bei.


Nämlich durch die Ich-Vergottung, welche seit dem Dämmern der Aufklärung den Menschen an die Stelle des Göttlichen auf den majestätischen Thron hievt. Der erlaubt sich nun in seinen seligen Errungenschaften der Kunst und der Wissenschaften über die Welt zu herrschen und zu richten. An den Folgen laborieren wir gerade: Das Meer ist von einer Plastikhaut überzogen (viele Menschen in ihrem Narzissmus scheinbar sowieso), die Fische sind durch Chemie vergiftet, allerorts wird Land geraubt, die Natur ausgeplündert und die Arbeit der Menschen in fernen Ländern ausgebeutet, damit bei uns der Anschein eines Wohlstandes die Heiligung des Ich segnet. Der Einzelne freut sich über sein Eigentum und das nächste gepostete Foto der Luxusmahlzeit, und verirrt sich in der Grenzenlosigkeit einer Welt, die weder durch Sein noch durchs Bewusstsein bestimmt ist, sondern durch den Schein.


Für Kunst und Literatur gilt: Wollen sie willfährig kollaborieren oder Antipode des Zeitgeists sein. Einst waren sie das: die Ästhetik der Ganzheit würdigt die Rolle der klassischen Moderne als schneidiges Instrument gegen bürgerliche Doppelmoral, krude klerikale Macht und kapitalistische Nötigung. Mit technisch, chemisch und ökonomisch fortschreitender Moderne betreibt Kunst/Literatur jedoch zunehmend die Illuminierung des Ich. In der Kunst gilt das Neuheitsgebot - analog zur Welt des Wegwerfkonsums; statt Inhalt zählt das Spiel mit den Formen - anstelle der Formen treten schließlich die Codes, die ein Stück Geschriebenes oder Hingeworfenes als Literatur oder Kunst erscheinen lassen. Der auratische Schein des Kunstwerkes wird aus dem Werk heraustheoretisiert und der Künstler damit ummantelt - dieser mutiert zum Vertreter seiner Ideen(-Kunst) und braucht schließlich das Werk bloß als Signatur seiner Rolle als Kunstfigur. Literatur bordet über an frostiger Schau der Welt ohne Ausweg; oder mäandert als eloquentes Spiel lustig mit Versatzstücken der Zeiten durch den seichten Light-Kultursumpf und/oder missbraucht die Axt Kafkas, mit der er das gefrorene Meer in uns aufhacken wollte, zum Leichenzerstückeln in Krimis.


Die Ästhetik der Ganzheit beschreitet völlig andere Wege. Jene, die man/frau nur barfuß schreiten will, hinaus auf die Wiesen, hin zu den Bäumen. Pfade, die sich die Stämme hochan winden, oder hinab zu den Wurzeln des Monds. Dabei hebt sie den einen oder anderen bunten Stein hoch, oder ästhetische Prinzipien wie Bindung, Mitgefühl, Ausgewogenheit (zwischen Schönheit und Kritik), oder Stille, an der es unserer schrillen Zeit so sehr mangelt. Einige Fundstücke werden sacht zurückgelegt, das eine oder andere Trumm Eso-Kunst auch mal hingeschmissen - ansonsten eilt die Ästhetik der Ganzheit wie der Wind oder verweilt wie der Augenblick oder fliegt hoch wie weiße Tauben - die Töchter der Mondin: wissend, dass es einen silbernen Pfad zu ihr gibt.


Manfred Stangl